wir sind alle "Zustands-junkies"
- Susanne Bhangu

- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Warum dein Nervensystem Zustände wiederholt und wie du aus dem Stress-Loop aussteigst
Gleich vorweg: Ich halte nichts von Sätzen wie „Du bist selber schuld“, oder "Hättest du nicht diese und jenes getan, gegessen, gedacht, ..."
Sie sind zu kurz gedacht und selten hilfreich. Wir sind nicht aus Glas. Wir sind lernende Nervensysteme in einem Körper.
Und trotzdem beginne ich mit einer radikalen Aussage, die im Laufe des Textes Sinn machen wird: Wir alle sind Zustands-Junkies.
Damit oktroyiere ich dir keine moralische Schwäche auf,
sondern beziehe mich auf deine Biochemie.
Wenn wir die psychologische Ebene kurz zur Seite stellen und nur auf das schauen, was im Körper passiert, dann ist Sucht (oder suchtähnliches Verhalten) grob gesagt ein Zustand, der sich so „notwendig“ anfühlt, dass wir ihn wieder und wieder herstellen müssen, selbst wenn wir wissen, dass er uns schadet.
Fäschlicherweise denkt man sofort an Substanzen wie Alkohol, Zucker, Nikotin, Drogen. Aber unser Gehirn ist erstaunlich und gnadenlos pragmatisch, denn ob eine bestimmte Chemie durch etwas von außen kommt (Substanz) oder von innen (Gedanken, Erinnerungen, Stressmuster), ist deinem Nervensystem völlig egal.
Ein Gedanke reicht und der Körper reagiert mit Stresshormonen, Botenstoffen, Nervenimpulsen. Es entsteht eine chemische Signatur und die erlebst du als Gefühl.
Nicht „eingebildet“, sondern messbar: Puls, Schlaf, Appetit, Antrieb, Spannung, Verdauung, Blutdruck, alles hängt an Zuständen..
Und jetzt wird es unbequem.
Die meisten von uns sind nicht „süchtig nach Dingen“, sondern nach inneren Zuständen.
Wut. Scham. Kontrolle. Mangel. Schuld. Drama.
Oder auch: Leistung, Anerkennung, Verliebtheit, „Ich werde gebraucht“. Denn dein Nervensystem hat über all die Jahre gelernt, dass es vertraut ist, dass du es kennst, dass du damit umgehen kannst.
Opfer, Täter – und das dritte Ding, das kaum jemand sieht
Ich bringe ein Beispiel aus meinem Leben, nicht um Schuld zu verteilen,
sondern um die Mechanik sichtbar zu machen.
Ich war lange auf Demütigung konditioniert. Nicht „ich“ als Person im moralischen Sinn, sondern mein System: Es kannte diesen Chemischen-Cocktail. Wie bei jeder Konditionierung gilt folgende unschöne Wahrheit, nämlich dass das Gehirn nicht das "gute" SUCHT, sondern das Vertraute.
Das hat sich bei mir in Beziehungen gezeigt. Besonders schmerzhaft wurde mir das klar, als ich eine lange Partnerschaft beendete und kurze Zeit später ähnliche Dynamiken in einem anderen Nahfeld auftauchten und da wusste ich,
dass der Zustand noch aktiv war.
Das ist der Punkt, an dem „Opfer vs. Täter“ eine dritte Ebene bekommt:
Ja, es gibt Täter. Und ja, es gibt Opfer. Realität bleibt Realität.
Und gleichzeitig gibt es ein Nervensystem, das – unbewusst – Situationen bevorzugt, in denen seine vertraute Chemie wieder entsteht.
Das klingt provokant, deshalb sage ich es vorsichtig, aber klar: Unser System kann Menschen und Situationen benutzen, um einen bekannten inneren „Schuss“ zu bekommen. Nicht, weil wir böse sind, sondern weil unsere Gewohnheiten im Gehirn stärker sind als Einsichten, ... bis sie es nicht mehr ist.
Man könnte es so formulieren: Solange der innere Zustand unverändert bleibt, wechselt nur die Besetzung der Rollen. Heute dieser Mensch, morgen jener. Heute diese Arbeit, morgen ein anderer Kontext. Ein Muster ist nicht „Pech“, sondern Biologie plus Lerngeschichte und deshalb die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung, ...
Warum Stressmanagement der wichtigste Hebel ist
Hier kommt der entscheidende Punkt: Stress ist nicht nur „unangenehm“. Stress ist ein biochemischer Verstärker. Chronischer Stress hält das System in Alarmbereitschaft und es gibt viele von uns, die aufgrund ihrer Genetik, Stresshormone nicht ausreichend abbauen können.
(Die Epigenetik ist, aus meiner Sicht, hierbei tatsächlich ein Wunermittel !) Fluten dich Stresshormone werden Gewohnheiten stärker, Impulskontrolle schwächer, Schlaf schlechter, Entzündung steigt, Regeneration sinkt und das Gehirn greift noch schneller zu dem, was es kennt.
Darum ist Stressmanagement kein Wellnessprogramm. Es ist Stoffwechselpflege fürs Nervensystem.
Wenn du dich also fragst, warum du „trotz Wissen“ wieder in alte Schleifen rutschst: Bestimmt nicht, weil du zu schwach bist, sondern weil dein System zu lange im Alarm war.
Ein kurzer Dopamin-Exkurs: Warum sich der „Schuss“ so überzeugend anfühlt
Dopamin wird oft als „Glückshormon“ missverstanden, dabei fungiert es als Motivations- und Erwartungsbotenstoff. Es treibt uns Richtung Belohnung oder Erleichterung. Vor allem bei Stress möchte das System schnell die Spannung runter und die Erleichterung rauf.
Das kann durch Alkohol passieren aber auch durch Scrollen, Shoppen, Essen, Arbeiten, Konflikte (ganz genau gelesen) , Rückzug, Perfektionismus, ...
Dopamin macht nicht „glücklich“ es liefert dir lediglich die Erleichterun, die dein gestresstes System (Cortisol/Adrenalin)so nötig hat.
Dabei entsteht eine besonders klebrige Mischung: Alarm + schnelle Erleichterung = starke Lernspur.
Das heißt, bei jedem Konsum, verstärkst du das Muster um ein vielfaches.
Die gute Nachricht: Das Gehirn kann umlernen. Die schlechte Nachricht: Es braucht Wiederholung, Sicherheit und Zeit.
„Entzug“ heißt hier: Zustands-Entzug
Wie bei einem klassischen Alkoholiker kann niemand den Entzug für dich machen. Nicht der Coach, nicht der Partner, nicht die perfekte Erkenntnis.
Der Entzug ist in diesem Kontext nicht heroisch. Er ist oft banal und lautet:
Ich unterbreche den Reflex, der die alte Chemie füttert.
Das beginnt mit einer Entscheidung: Ich will nicht mehr automatisch dem Zustand folgen.
Und dann braucht es Werkzeuge, die das Nervensystem versteht, nicht nur den Kopf.
Praktische Schritte (ohne Zauber, dafür wirksam)
1) Das Muster erkennen (ohne Selbstabwertung)
Welche Situationen liefern dir zuverlässig denselben inneren Zustand?
Was ist der „erste Marker“ im Körper? (Kiefer, Brust, Magen, Atem, Schultergürtel)
Wichtig: Nicht analysieren bis zum Umfallen. Nur sehen.
2) Pause einbauen (10–90 Sekunden reichen)
Langer Ausatmer (mehrmals)
Hände auf Brust/Unterbauch
Blick weich werden lassen, in die Ferne schweifen
Das ist Stressphysiologie: Ausatmen aktiviert parasympathische Regulation.
3) Zustandswechsel über den Körper (nicht über Argumente)
8–12 Minuten Gehen
kurze Kälte (Gesicht/Handgelenke)
warmes Duschen / Wärmflasche (wenn dein System Wärme braucht)
Der Körper ist der direkte Zugang zum Zustand.
4) „Neue Chemie“ füttern – aber realistisch
Wenn du statt dem Suchtverhalten Freude, Ganzheit, Fülle möchtest, dann ist das schön aber oft zu groß als erster Schritt, daher sorge zu Beginn für:
Stabilität (wende dich an eine Vertrauensperson)
Sicherheit (lerne, dich in der Gegenwart eines Menschen zu entspannen)
Klarheit (Mach dir darüber Gedanken, wer du sein willst)
Rhythmus (baue Routinen ein, die die Struktur geben) Das sind die Grundlagen, auf denen „mehr“ überhaupt erst möglich wird.
5) Schlaf & Rhythmus als Biochemie-Basis
Schlaf ist kein Luxus. Schlaf ist diene Hormon- und Nervensystempflege. Wer schlecht schläft, greift schneller zu schnellen Zuständen.
Zum Schluss: Verantwortung ohne Schuld
Ich will niemanden zum Täter erklären, der verletzt wurde. Hier geht´s nciht um Schuld. Es geht um Freiheit und bedeutet: Ich erkenne, wie mein System Zustände wiederholt und ich lerne, anders zu regulieren.
Das ist Reife.
Hinweis / Verantwortung
Dieser Text ersetzt keine medizinische Abklärung, Psychotherapie oder Suchtbehandlung. Er ist eine Perspektive auf Stress- und Zustandsmuster aus Sicht von Neurobiologie und Verhalten. Wenn du den Eindruck hast, dass Substanzen, Essverhalten, Arbeit, Sport oder Beziehungen/Sexualität suchtartig werden, oder wenn du dich selbst gefährdet fühlst, suche bitte ärztliche und/oder therapeutische Unterstützung (z.B. Hausarzt, Psychotherapeut:in, Suchtambulanz).
Eigenverantwortung heißt hier: rechtzeitig Hilfe holen.





Kommentare